Großstadtschlaf

Als heute morgen um 8 Uhr meine Nachbarin an der Wohnungstür klingelt habe ich bestimmt nicht damit gerechnet was sie mir dann sagt. „Ein Fahrrad liegt auf Ihrem Auto!“ – „Guten Morgen! Bitte was?“ Überflüssig zu erwähnen, dass ich natürlich noch die Sachen getragen hatte in denen ich geschlafen habe, und mein Kopf auch noch in dem selben Kontext arbeitete. Es war ja schließlich 8 und es hörte sich doch etwas unwahrscheinlich an was sie sagte. – „Ein Fahrrad liegt auf Ihrem Auto. Vielleicht kommen Sie mal gucken.“

Ich stehe am Morgen immer wieder vor der Gewissensfrage Auto oder Bahn. Ich mag es U-Bahn zu fahren, aber das Auto halbiert mal eben die Fahrzeit. Das ist bei 50 min. Basiswert schon attraktiv. Vor allem für nicht-Frühaufsteher. Das heißt, eigentlich bin ich das gar nicht. Das Problem ist nicht die Uhrzeit des Aufstehens, das Problem ist die Zeit danach! Nach dem Aufstehen und vor dem Verlassen der Wohnung liegen bei mir locker mal 2 1/2 Stunden! Ich finde das manchmal bedenklich, habe aber aufgehört mir darüber Sorgen zu machen oder gar etwas daran ändern zu wollen. Irgendwann lernt man seine Eigenarten zu akzeptieren statt dagegen anzukämpfen. Ich brauche die Zeit, basta. Alles was bleibt ist die tägliche innere Diskussion eben darüber die Bahn oder das Auto zu nehmen. Ein auf dem Auto liegendes Fahrrad macht die ganze Situation nun umso spannender. Ist das ein Zeichen? Soll ich nun für immer das Fahrrad nehmen?

Und so schickte er ein Fahrrad vom Himmel, auf dass sie alle Zeiten mit dem Rad fuhr und allen anderen Verkehrsmittel entsagte!

Nein, lieber nicht.

Zum Glück war es nicht vom Himmel gefallen, denn es blieb bei einem niedlichen Kratzer, den ich unter dem Rad feststellen konnte. Betrunkene tun schon komische Sachen, und Fahrräder haben komfortable Schlafplätze in der Großstadt.

Ach ja, die Großstadt. Ich hörte sogleich in Gedanken (und hörte es etwa vor einer Stunde am Telefon) meine Schwiegermama sagen „Typisch Großstadt!“. Sie könnte hier niemals leben… Hier! Nicht! Am allerschönsten Ort der Welt. Unglaublich.

Ich höre im Dorf ist es so grün und ruhig. Ja, man hört rein gar nichts, und sieht niemanden! Versteht mich nicht falsch, ich bin auf dem Dorf aufgewachsen, zwischen Bauernhof und Wald – und ich liebte es! Aber ist euch nicht auch aufgefallen wie schrecklich einsam Dörfer und Kleinstädte wirken? Ich meine die Wohngebiete und Straßen um die Zentren. Ich weiß nicht ob es schon immer so war, oder ob es erst so gekommen ist. Aber dort siehst du doch niemanden über die Straße gehen. Es fühlt sich so isoliert an. Jeder ist für sich, in seinem Eigenheim. Manchmal merkst du einfach nicht, dass dort Menschen leben. Wahrscheinlich sind das alles Musterhaus-Ausstellungen.

Wenn ich durch die Straßen meines wunderschönen Stadtteils laufe, sehe ich Menschen! Sie kommen mir entgegen, sitzen in Cafés, kommen aus den Läden, sind auf ihre Balkonen, schieben Kinderwagen, oder rufen ihren Kindern auf dem Fahrrad hinterher. Dazu höre ich Vögel zwitschern, sehe grüne Bäume, Parks, und Spielplätze. Nicht zu vergessen die wunderschönen Altbauten, die das Bild abrunden und Gemütlichkeit an kalten und nassen Tagen ausstrahlen. Das ist so eine warme Atmosphäre. Ich fühle mich hier nicht alleine. Auch wenn ich die Menschen nicht kenne, sie geben mir das Gefühl hier geborgen zu sein. Ich darf unter Menschen sein und trotzdem ohne die konservativen so-muss-es-sein-Regeln meine Freiheit genießen. Es ist etwas besonderes. Und ich genieße es noch immer so sehr, auch nach vielen Jahren, die ich hier schon sein darf.

Gegen ein geringes Entgelt… Aber nein, diese Diskussion möchte ich heute nicht beginnen, auch wenn ich dazu viel zu schreiben hätte.

Ich möchte den Beitrag mit diesem schönen Eindruck aus einer warmen Großstadt beenden, in der man nicht immer ruhig schläft, aber sehr, sehr glücklich sein kann! Auch als Fahrrad.

Bleibt zufrieden und bis bald! Eure Lina

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