Perspektivenwechsel

Wir möchten alle nette, zumindest nicht nur egoistische Menschen sein, also versuchen wir bei allem Spannenden und Chaotischen was in unserer eigenen kleinen Gedanken- und Gefühlswelt stattfindet, die Perspektive des Anderen nicht zu verlieren. Und wir wissen auch: Um einander wirklich zu verstehen, müssen wir zuhören. Doch hört man wirklich das was gesagt werden will? Oft wird es verpackt und versteckt hinter eigentlich nicht passenden Worten, denn es kommt einfach nicht besser heraus. 

Ich dachte, dass du dachtest, dass ich meinte… – Nein, ich meinte was anderes… – Ja was denn? – Ach, ich weiß auch nicht.

Eigentlich kennt man selbst die Wahrheit nicht so genau. Unsere eigene Perspektive ist manchmal so verschüttet, dass wir uns selbst erst darüber klar werden müssen. Das Gefühl ist viel schneller. Mein Lieblingswort ist: Das Störgefühl. Ich habe immer dann ein Störgefühl, wenn ich merke, etwas läuft nicht richtig – ohne es benennen zu können. Das kann eine Situation sein, ein Gespräch, eine Entscheidung, oder etwas an dem ich gerade arbeite. Warum das so ist, das sehen wir dann noch. Was für ein Luxus! Unmut äußern ohne sich erklären zu müssen. Ich streiche es an, und bin erst mal zufrieden damit. Im nächsten Schritt kommt die Aufklärung; mal schneller, mal langsamer. Wenn sich das Störgefühl nach genauerer Betrachtung auflöst, um so besser. Mein Umfeld mag es, und macht sich auch ein wenig lustig darüber.

Auf einer Party am Samstag habe ich (und ihr sicher auch irgendwann) gehört: „Ja, es ist immer gut wenn man raus kommt, mal die Welt aus einer anderen Brille sieht, den eigenen Horizont erweitert!“ Da war er wieder, einer der Weitwinkelobjektiv-Fanatiker wie man ihn überall trifft. Belächelnd auf die Landbevölkerung blickend, die „nie raus gekommen ist“ und „nix anderes kennt!“ – selbst natürlich der weltbewanderte Mr. Hab-schon-alles-gesehen. Sie entdecken mich, kommen erleichtert auf mich zu und bleiben an mir kleben.

Ich bin raus gekommen! Ich mag mein unstetiges Leben und die Freiheit. Doch ist das „besser“? Freiheit oder Geborgenheit? Umherwandern oder wissen wo man bleiben möchte? Ich mag nicht das Eine oder das Andere als Kriterium für ein besseres Leben annehmen. Ich glaube fest, dass jeder das Leben für sich heraus pickt, das ihm am besten tut (wenn er denn so privilegiert ist es sich aussuchen zu können).

Und trotz jahrelangem Üben im internationalen Perspektivenwechselparket, hatte ich vor wenigen Wochen den ultimativsten Aussetzer den man sich vorstellen kann. Ich hätte niemals gedacht, dass ich mich jemals so sehr in mir selbst verlieren und die Perspektive eines Anderen völlig übersehen könnte. Als ich daraus aufgewacht war – und genauso hatte es sich angefühlt – habe ich erkannt wie rücksichtslos und egoistisch ich agierte; und es war wie in einem Albtraum aufzuwachen. Zum Glück kam das Aufwachen früh genug.

Also übe ich weiter. Im Zuhören, Erkennen, Störgefühle funken und empfangen, und freu mich über jedes das erkannt und verbannt wurde!

Eure Lina

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