Entscheidungsmonster

Die großen Freiheitsgrade geben mir das Gefühl, dass das Leben sehr beliebig geworden ist. Es gibt kaum noch vorgetrampelte Wege, jeder schlägt sich neue Wege durch den Dschungel; mehr oder weniger weit weg von den anderen. Das ist herrlich, denn so wird das Leben bunter, und überraschender! Aber auch anstrengender. Jede Entscheidung muss man eigentlich hinterfragen, denn später muss man sich die Frage gefallen lassen: Warum so, und nicht anders? Du hattest doch die Wahl. Die unzähligen Möglichkeiten unseres Lebens haben den Nebeneffekt, dass Entscheidungen sehr schwer fallen. Eine Entscheidung bedeutet, dass sich viele andere Türen schließen. Auch wenn das mit den Türen ein abgedroschener Spruch ist, in meinem Kopf sieht das Leben tatsächlich aus wie ein Labyrinth aus miteinander verbundenen Räumen und Pfaden.

Für meine Entscheidungen hilft es mir mit vielen Menschen zu sprechen. Ich möchte mir so viele Meinungen und Eindrücke wie möglich einholen, um dann hoffentlich zu wissen warum ich so und nicht anders entschieden habe. „Informed decision“ und so.

Wenn ich anders entschieden hätte, hätte ich zwar das goldene Pferdchen mit Flügeln gehabt, aber dafür habe ich nun das silberne Pony mit Flossen, und das ist einfach viel besser für mich, weil ich… Und ganz klar war für mich, dass ich nicht das Einhorn wollte! Zu viele Neider!

Die Diskussion füllt die fehlende Orientierung, die einem früher die Gesellschaft vorgegeben hat. Das kostet Zeit – und relativiert die längere Lebenserwartung…

Ich stelle mir vor – denn genau kann ich es ja nicht wissen – dass es einmal klare Regeln gab, die bestimmt haben was man tut. Und die waren vor allem geprägt von einer Regel: Das was alle machen. Wahrscheinlich wurde es auch kaum hinterfragt, wer konnte sich das schon erlauben? Der Weg war vorgezeichnet, und selbstverständlich. Den Luxus der freien Lebenswahl können wir uns vielleicht auch erst jetzt wirklich leisten, denn er gefährdet nicht mehr unsere Existenz. Ich könnte mir vorstellen, dass es manchmal schlicht das Leben gekostet hätte „woanders“ hinzugehen.

Hohe Freiheitsgrade sind ein Luxus, doch ich hätte gerne den Umgang damit gelernt. Sonst probiert man nur herum bis man weiß wie es geht. Wie geht man mit der Freiheit um? Das bedeutet für mich: Wie finde ich heraus was ich möchte? Welche Alternative ist gut für mich? Ich habe manchmal in dem ganzen Wirrwarr kaum noch einen Überblick, so dass ich nicht mal mehr zu unterscheiden weiß zwischen unumstößlichen Wahrheiten und sozialen Konventionen. Das macht mir manchmal Angst. Nichts ist mehr klar darüber was ein ganz objektiv „richtiger“ oder „falscher“ Weg ist. Ich brauche eine Kriterienliste!

Zum Thema Konventionen eine Geschichte nebenbei: Im chinesischen Kulturkreis isst man einen Teller nicht leer, denn das wäre unhöflich. Ein leerer Teller würde signalisieren, dass man nicht genug zu essen bekommen hat. Bei einem leeren Teller bekommt man daher immer nach. Nur wenn man mehr auf dem Teller hatte als man essen kann, zeigt man: Danke, Gastgeber, du hast mich satt bekommen! In Deutschland ist es anders, dort isst man aus Höflichkeit den Teller leer, sonst würde man ja signalisieren, dass es nicht geschmeckt hat. Dieses Dilemma hat mich einmal in der chinesischen Republik Taiwan sehr, sehr satt gemacht!

Sicher, es ist individuell verschieden was richtig ist, aber das macht es ja umso komplizierter, denn das bedeutet, dass ich das nur selbst herausfinden kann und muss! Doch möchte ich das was ich hier gerade entscheide wirklich? Was sind kulturelle Konventionen die ich in mir trage, falsche Erwartungen, Bilder, und Ideen, die mir aber gar nicht gut tun? Und das merkt man eben erst wenn man es lebt und dann überprüft. Blöd nur, wenn es dabei um so etwas wie einen Kinderwunsch geht, denn das kann man ja bekanntlich kaum zurücknehmen. „Ach so ist das? – Ach nö, dann lieber doch nicht. Da hast du’s zurück!“

Ich fühle mich gerade sehr gut nachdem ich eine große Entscheidung getroffen habe. Und das ist toll, denn erst die getroffenen Entscheidungen zeigen einem wo man steht! Oder fühlt man sich mit Entscheidungen immer gut? Entlastet um die Optionen? Sehen wir erst am Ende was gut war?

Wir sollten vielleicht alle etwas gelassener mit uns sein! Früher musste man alles hinnehmen was kommt, heute muss man eben etwas weniger hinnehmen und dafür mehr selbst gestalten. Am Ende müssen wir aber genauso mit den Entscheidungen leben wie mit Konventionen, und den vielen Überraschungen und nicht beeinflussbaren Dingen, die noch alle auf dem Weg dazu kommen! Und dann kann man nur eins tun: Das Leben in dem (selbst und fremd) vorgesteckten Rahmen annehmen und genießen!

Und während ich diese Zeilen schreibe, spüre ich ganz deutlich in mir wie wahnsinnig privilegiert ich doch bin, dass ich diese Zeilen schreiben darf! Welche Fragen ich an mein Leben stellen darf. Ist das nicht schön?

Was für ein Leben!

Eure Lina

3 Gedanken zu “Entscheidungsmonster

  1. Fettnapftante schreibt:

    Hallo Lina,

    witzig, wir sind grundverschieden. Ich entscheide immer allein und nach meinem Gefühl. Natürlich bin ich oft einen umständlicheren Weg durch meine eigenen Entscheidungen gegangen, ich hätte es eventuell einfacher haben können, hätte ich mich durchgefragt, aber dann wäre es ja nicht meine Entscheidung, mein Weg und meine Geschichte gewesen. Ich liebe Umwege, das sieht man mehr von der Welt und endeckt Ecken die man so nie gesehen hätte. Oft musste ich mir anhören, warum hast du nichts gesagt? Ich hätte dir doch.. oder, ..und dann wäre es..

    Grüßle Chrissi

    Gefällt 2 Personen

    • Toll, du bist genau der Mensch den ich brauche! Von dir kann ich die Portion Gelassenheit gebrauchen, die mir gut tun würde. ; ) Ich bin sehr verkopft und gehe alles so rational wie möglich an… mh… Gefühl! Spannender Aspekt. : )
      Dank dir, Chissi! Lieben Gruß.

      Gefällt 1 Person

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