Alleinunterhalter

Ich saß dort nun schon eine ganze Weile bei gefühlten 40 Grad im Schatten und habe, wie alle anderen am Tisch, die meiste Zeit vor allem eins: zugehört. Derjenige von uns der geredet hat, hat sich mittlerweile immer mehr in einen Monolog geredet. Ich glaube begonnen hatte alles mit dem Entlarven eines Nachrichtensprechers etwas sehr unwahres gesagt zu haben, über eine Geschichte von einem Juristen, der dachte mit den „Kirchhoffschen Gesetzen“ seien Gesetze im rechtlichen Sinne gemeint, und sie ändern wollte; bis zu der unumstößlichen Wahrheit, dass eine Doktorarbeit in den Sozialwissenschaften eigentlich gar nicht möglich sei. Und diese ganze Genderfrage, völliger Schwachsinn! Genderneutrale Texte kann ja kein Mensch lesen! Und wer alles entlassen wurde wegen einer unbedachten Aussage in die Richtung! Er war gerade bei seinen philosophischen Einsichten über das Universum als ich mir die Frage stellte, was hier eigentlich gerade passiert.

Überflieger! Oder: Die Sache mit dem Selbstbewusstsein

Der dort sprach war einer der für mich wichtigsten Menschen in der Familie. Ich liebe ihn von Herzen, aber im Moment überlegte ich nur ob ich ihm das Brot da vor mir einfach in seinen Mund stopfen darf. Die anderen hätten sicher nichts dagegen.

Was ist nun falsch? Ich mag es, dass er sich mit Themen dieser Welt auseinandersetzt und darüber sprechen möchte. Ich finde nämlich, dass wir das viel zu wenig tun. Wir sind so unpolitisch und fast gleichgültig geworden! Worüber spricht man denn überhaupt noch? Das Wetter? Im Moment immerhin ein recht spannendes Thema. Aber es gibt so viele spannende Themen auf dieser Welt!

Also, springe ich doch mal darauf an und zeige uns mal wie eine ordentliche Diskussion geht! „Ich verstehe ja deinen Blickwinkel. Naturwissenschaftler neigen ja dazu diese als die einzig „wahre“ Wissenschaft anzusehen, aber ich möchte doch schon betonen, dass man durchaus auch eine Doktorarbeit in den Sozialwissenschaften schreiben kann! Denn auch in diesem Bereich unserer Welt gibt es noch viel zu erfahren und zu entdecken.“ – Ein völlig entsetzter Blick und aggressiver Unterton waren die Reaktion, und „Wie bitte, du siehst das anders!?“ war der Beginn eines weiteren Monologs über „Prognosen“, „Vorhersagen“ und „Neues“ als Argumente für das eine und ganz klar gegen das andere – ohne auf meine Argumente einzugehen oder mich irgendwie dabei einzubeziehen.

Mh… ich versuchte es noch mit meinen Meinungen zu dem Thema Gender und der evolutionären Sicht auf die Welt, bis ich merkte, dass hier meine Gedanken eigentlich gar nicht gefragt waren. Er wollte gar nicht mit mir diskutieren.

Worum ging es ihm also? Er erzählt weiter, was er gelesen hat und wie er darüber denkt. Dabei werden Fakten eingestreut, die niemand am Tisch überprüfen kann, und Theorien ins Feld geführt die noch niemals jemand von uns gehört hat. Außerdem kritisierte er eigentlich nur alles Mögliche. Das ist falsch, und die haben nicht Recht, und das ist alles Blödsinn…

Ich blicke mich um und sehe, dass ich noch am meisten daran interessiert zu sein schien was hier gerade gesagt wurde. Meine Nichte, wie beneidenswert, hatte schon lange die Kopfhörer ihres Smartphones eingesteckt und schaut hoffentlich gerade ein spannendes Youtube-Video. Alle anderen schauen etwas genervt vor sich hin, meine Schwägerin hat ihr Baby um das sie sich gerade kümmern muss – obwohl es ausgerechnet in diesem Moment wahnsinnig brav und zufrieden war. Meine Schwester startete einen Versuch des Themenwechsels mit der Aussage „Sorry, damit kann ich gar nichts anfangen!“ und weist auf die Hitze hin.

Irgendwann hatte er es dann gemerkt und sowas gesagt wie „Sorry – jetzt rede ich nur die ganze Zeit!“ – und ich habe verstanden, dass er das wohl gerade einfach gebraucht hat. Wie oft habe ich mich schon selbst beim Fischen nach Anerkennung erwischt… Hier mal beiläufig erwähnend, dass man in Taiwan Haifischflossensuppe gegessen hat (Subtext: „Ja, ich mache spannende Fernreisen!“), dort mal andeutend dass man Samstags total gern gemeinsam kocht und Freunde bei sich einlädt (Subtext: „Wir verbringen unseren Samstagabend gemeinsam, ohne TV, und haben auch noch total interessante Leute da, die ein gutes Essen zu schätzen wissen!“), oder auch einfach „Freitags mach ich immer gleich alles weg, damit wir es am Wochenende schön und Zeit für anderes haben!“ (Subtext: „Ich hab mein Leben im Griff! Superhausfrau, Super-Wochenendgestaltung“ – haha! seufz).

Je nach Lebensstatus und Tageslaune braucht das wohl jeder, mal mehr, mal weniger. Wie schön es wäre, das gar nicht mehr zu brauchen.

Und plötzlich war ich sehr viel versöhnlicher mit unserem Alleinunterhalter. In seinem Leben lief so viel drunter und drüber, schon immer ging es nie gerade aus für ihn und alles Mögliche wurde angefangen und abgebrochen. Jetzt versucht er sich wieder an einem Studium, das einfach so verdammt schwer durchzuziehen ist, wenn ein Alter erreicht ist und das Leben so viel anderes von einem fordert. Wenn man dann noch genau weiß, dass die Intelligenz nie das Problem war, er bereits das Abitur ohne viel Aufwand großartig durchgezogen hat, und er so viel mehr hätte erreichen können als diese doofen Nasen um ihn herum oder gar über ihn in der Firma – da braucht man manchmal mindestens einen Monolog und einen Platz für seine Gedanken in der Familie, um sich selbst und den Lieben zu beweisen was in ihm steckt.

Wir möchten eben alle einfach nur verdammt gerne gesehen werden. Wer wir sind und was wir sind! Manchmal auch wer wir gerne sein würden. Wer kann sich davon schon ganz frei machen? Also, mein lieber Cousin, ich finde dich großartig, und du hast die Erlaubnis mich voll zu quasseln. Ob ich’s manchmal doof finde was du sagst oder nicht – Ich höre dir zu, versprochen!

Lina

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