Heimweh

Ein Bild, ein Moment, oder ein Lied. Plötzlich ist sie da. Die Sehnsucht. Der innere Stich, ausgelöst von einer Erinnerung an einen Ort, der einmal dein Leben war. Wo dich heute fast niemand mehr kennt, viele Menschen sich kaum noch daran erinnern – die meisten gar nicht mehr wissen – dass du mal Teil dieses Lebens warst.

Der Blick in einen verregneten Wald am Wochenende, der klare und frische Geruch, die Geräusche des Regens, die nassen Äste und Blätter… plötzlich sah ich mich aus einem Fenster in den Wald sehen… in einem anderen Leben.

Ich habe keinen Text gefunden, kein Lied und keine Talkshow, die für mich ausgedrückt haben oder einen Platz dafür gegeben haben was ich meine, also versuche ich selbst mir diesen Text zu geben.

Ich bin seit vielen Jahren glücklich in meinem „Hafen“ – Hamburg! Das ist mein zu Hause, wo ich sein möchte und mich geborgen fühle. Auf dem Weg hierhin hatte ich – wie so viele andere – einige Stationen. Hamburg hatte mich schließlich magisch angezogen. Ich war vom ersten Tag an euphorisch und ergriffen von dem Gefühl angekommen zu sein.

Und nicht nur deswegen ist mein Fernweh etwas müde geworden. Ich weiß wie anstrengend es ist weiterzuziehen, liebe Menschen zurückzulassen – wie weh es tut liebe Freunde auf dem Weg zu verlieren. Und wie lang es dauert neu anzufangen. Es ist nicht einfach sich die Frage stellen zu müssen, die nach einigen Stationen immer lauter wird: Wohin gehöre ich eigentlich? Wo ist mein Platz in dieser Welt?

Mein Weg hat mit 18 begonnen, und in den 20 Jahren bis heute habe ich gelernt mein zu Hause aus mir heraus zu schaffen. Ich hatte immer schöne Wohnungen, in der mir gelebte Rituale und lieb gewordene Möbelstücke bis heute ein Gefühl von zu Hause geben. Egal wo es gerade ist. Es tut gut zu wissen überall klar zu kommen. Ich möchte jetzt aber einfach mal eine Weile an einem geliebten Ort bleiben.

Und dann gibt es – tief in mir drin – die Heimat. Sie liegt 500 km entfernt, die Landschaft ist ganz anders, mit Flüssen eingebettet in Hügeln und Wäldern, und einer ganz anderen Mentalität. Ich war dort sehr glücklich. Meine Kindheit war ein Traum. In einem Haus am Waldrand und einem Dorf. das groß genug war, dass man es nie verlassen musste. Vereine, Schulen, Kneipen, alles war da und meine Welt blieb viele Jahre so klein wie dieser Ort.

Ich kann noch hinfahren an diesen Ort, doch es gibt kaum noch eine Verbindung dorthin. Meine Familie ist schon lange nicht mehr dort. Es ist als ob man an einem Filmset ist. Man kennt die Kulisse, doch die Darsteller sind nicht da, und die Geschichte fehlt auch. Dort sind nun neue Darsteller, mit neuen Geschichten. Die Wenigen die noch dort sind haben zwar bekannte Namen und grüßen mich, doch wir kennen uns kaum noch. Zu viel ist in den vielen Jahren in unserem Leben passiert. Wir waren noch so jung damals.

Ich bin vor allem dankbar für diese Kindheit, dass ich dort so einen wundervollen Start hatte. Es bleiben die Momente der Sehnsucht, und manchmal der Neid, dass sich andere Menschen die Frage der Zugehörigkeit nie stellen mussten – dass sie ihre Heimat greifbarer behalten durften.

Ich schaue auf das letzte Foto mit meinem Opa an diesem Waldrand…. Vielleicht ist für andere der Ort zwar geblieben, doch die Seele des Orts hat sich für alle genauso verändert wie für mich? Menschen gehen, verändern sich, das eigene Leben ändert sich. Vielleicht ist es nur die Sicherheit der Kindheit, die sich so kuschelig und sehnsuchtsvoll anfühlt?

Eins ist geblieben. Wenn ich auf einem Besuch mit meiner ältesten Freundin anstoße, fühlt es sich hervorragend an. Ich kann noch hinfahren in die Region, etwas „Heimat“ tanken, und zufrieden ins neue Leben zurückkehren. Und dann ist es auch gut wieder nach Hause zu fahren und ich weiß: Ist schon alles richtig so.

Und dann denke ich daran wie viele Menschen das nicht können. Wie viele Menschen haben es sich nicht selbst ausgesucht ihre Heimat zu verlassen. Sie mussten in eine fremde Kultur, mit fremder Sprache, ohne Perspektive, und haben dabei noch viel mehr verloren. Unfreiwillig. Gewaltsam. Wir haben nur eine kleine Ahnung davon wie schrecklich und unerträglich sich das anfühlt.

Und so verabschiede ich mich wieder von dem Bild. Den Wald, die Menschen, die glücklichen Tage in der die Welt so herrlich klein war, und packe alles in meine Vergangenheit, bis mich der nächste Moment daran erinnert. Ich werfe meinem Opa einen Kuss zu, mache das Licht aus, und gehe durch meine gemütliche Wohnung in mein kuscheliges Bett und denke:

Auf die Heimat! Auf das neue Leben!

Eure Lina


„Ist es nicht wunderbar, dass ihr euren Kindern diesen einmaligen Schatz schenkt? Eine Kindheit und ein zu Hause! An dieses tiefe, geborgene Gefühl werden sie ihr Leben lang zurück denken… und immer auf der Suche sein wenn es ihnen verwehrt wird.“

2 Gedanken zu “Heimweh

  1. Fettnapftante schreibt:

    Liebe Lina,
    der Text hätte 1:1 von mir sein können. Einziger Unterschied, ich wuchs in Weinbergen auf. Ich bin 22 Mail umgezogen und fühle 100% mit dir. Wo ist meine Heimat, wo ist mein Zuhause? Ich habe eine Schulfreundin aus meinem „Heimatort“, die heute noch im selben Haus wohnt. Faszinierend und erschreckend zugleich, für mich als „Vagabundin“.
    Liebe Grüße nach HH Chrissi

    Gefällt 1 Person

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