Mütterbesuch

Das Schicksal aller Menschen fern der Heimat ist, dass man seine Liebsten nur selten sieht, dafür dann aber gleich sehr intensiv. Würde man sich sonst ab und zu auf einen Kaffee treffen, verbringt man gleich ganze Wochenenden oder sogar Wochen miteinander. Das ist für alle erwachsenen Menschen herausfordernd. Für maximal-möglich emotional verstrickte Menschen manchmal eine Ausnahmesituation. Doch ich habe letztes Wochenende folgendes gelernt:

Schwiegermutter und Mutter zusammen sind viel besser als eine alleine!

Sie sehen die Dinge aus einer ähnlichen Perspektive. Sie kommen aus einer Generation in der noch andere Dinge wichtig waren, die wir noch nicht mal als Dinge wahrnehmen! (Eine Spüle ist erst sauber nachdem sie mit Scheuermilch poliert wurde — eine Pflanze die nicht mehr ganz frisch aussieht muss sofort in einen Eimer mit Wasser gestellt und gerettet werden — und wann hast du eigentlich das letzte Mal die Fenster geputzt?).

Ich denke, es tut ihnen gut voneinander verstanden zu werden, und uns tut es gut, dass die beiden sich haben. Man hat eine viel bessere Gruppendynamik, 2:2. Zu Dritt ist es oft so, dass ich mich hin- und hergerissen fühle: zwischen meinem Mann und meiner Mutter. Ich habe mit ihnen jeweils eine ganz andere, sehr intensive Ebene, und sie haben zunächst nur mich gemeinsam. Wie und wann sollen sie sich auch besser kennenlernen? Man muss sich darum kümmern, dass es beiden gut geht, und ich fühle mich manchmal emotional zu sehr eingenommen von beiden Seiten. Wenn die Mutter meines Mannes da ist, eben anders herum.

Wenn die beiden aber zusammen auftauchen, ist alles viel entspannter. Wahrscheinlich kommt noch ein weiterer entspannender Faktor dazu, die beiden sind emotional nicht verwickelt. Sie sind einfach Frauen, die sich kennen und miteinander plaudern. Gerne über das Unverständnis ihrer Nachkommen! Das verbindet.

Ein sehr schöner Moment war als unsere Mütter am Wochenende begonnen haben von sich zu erzählen. Von ihrer Kindheit und ihren gescheiterten Ehen. In einer sehr großen Offenheit erzählten sie ihre Geschichten und wir waren alle erstaunt wie groß die Parallelen waren. Sie hatten beide kalte Mütter die keine Liebe zeigen konnten, die ihre Kinder nicht mal in den Arm genommen haben.

Die Reste-Heirat…

Die eine Großmutter hatte einen Mann geliebt der im Krieg gefallen war. Nach dem Krieg war sie Ende 20 und es war höchste Zeit zu heiraten. So wurde genommen was übrig war. Der Mann, der frei war, hatte den selben Vornamen wie der Gefallene. Sie hatte es selbst so erklärt: Es war nach dem Krieg, wir waren in dem Alter, wir waren beide frei. Sie fuhr Brötchen aus, er war der Förster an einem der Häuser zu denen sie die Brötchen fuhr, man hatte die „Vakanz“ schnell erkannt, Happy End. Die Ehe war also eine „Reste-Heirat“ der Nachkriegsjahre, in der sie ihren eigentlichen Mann nie vergessen konnte – und ihr Herz wurde mehr und mehr zu Stein… die Kinder erfuhren keine Liebe, wurden nur in Pflichten eingeteilt und mussten tun was erwartet wird.

Die Andere…

Der Geliebte der anderen Großmutter lebte viele hundert Kilometer entfernt, in einer anderen Ecke Deutschlands, doch die Liebe, die im Krieg begonnen hatte, war groß – und sie haben sich verlobt. Doch war da eine andere Frau im Heimatort des Mannes, die schon lange ein Auge auf ihn geworfen hatte – so die Überlieferung. Sie hat sich rangeschmissen, und die Katastrophe kam. Sie wurde schwanger und musste gleich geheiratet werden. Das Herz war gebrochen. Der Mann, den die Großmutter dann selbst heiratete, wurde nie wirklich geliebt. Ihre Tochter, meine Schwiegermutter, hatte immer das Gefühl von ihr gehasst und abgelehnt zu werden. Und sie blieb das einzige Kind. Sie hatte lange keine Ahnung, doch irgendwann erfuhr sie von dem Mann, den ihre Mutter so sehr liebte. Doch erst viel später, erst als die Großmutter eine alte Frau war….

Der Geliebte aus der fernen Stadt war gerade Witwer geworden, als er bei der Schwester der Großmutter anruft um zu erfahren wie es ihr geht. Dabei erfährt er, dass auch sie schon viele Jahre Witwe ist… Das packt ihn so sehr, dass er nicht lange überlegt und sich auf den Weg macht. Und so fährt er als alter Mann quer durch Deutschland, um an ihrer Tür zu klingeln.

Und da hat auch die Tochter von ihm erfahren. Es gab ein Telefonat zwischen Mutter und Tochter, in der die Mutter sagte, sie habe Besuch. Die Stimme klang seltsam und auf Nachfrage sagte sie seinen Namen. Er blieb das ganze Wochenende. Und so erfuhr die Tochter wer er war, und die ganze Geschichte. Der Kontakt war nie ganz abgebrochen, und die Liebe nie vorbei. Sie haben sich an diesem Wochenende wiedergesehen, und sind nur wenige Jahre darauf gestorben. Manchmal denkt meine Schwiegermutter daran zu recherchieren und seine Kinder ausfindig zu machen, doch dann verlässt sie wieder der Mut. Wofür denn auch, sagt sie dann.

So romantisch es auch sein mag, so traurig ist es wie sehr der Liebeskummer am eigenen Kind ausgelebt wurde. Wie kann es sein dass sich der Frust so sehr an der eigenen Tochter entlädt? Unsere Mütter selbst hatten das Gefühl immer nur „funktionieren“ zu müssen und dabei das Gefühl gehabt nie gut genug zu sein.

Und ihre eigenen Männer… sie waren die Liebe ihres Lebens. Für beide Frauen. Sie haben ihre Männer heiraten dürfen, und ihre Kinder bekommen. Dabei sind solche Prachtexemplare wie wir herausgekommen… Wir haben beide unsere Großväter heiß geliebt, zu den Großmüttern hatten wir eine distanzierte Beziehung. Doch beide Männer (unsere Väter) fanden das Leben mit 2 Kindern, Haus und Hund nur für die ersten Jahre schön. Der eine fing früher an, der andere später, doch beide sind fremd gegangen. Bis die eine Frau aufgetaucht war für die sie jeweils ihre Familien verlassen haben.

Nun sind unsere Mütter alleine, und dabei glücklich. Sie sind zufrieden nur für sich verantwortlich zu sein. „Nach niemanden fragen zu müssen!“, was sie sich beide mit großem Nicken bestätigt haben.

Verständlich irgendwie, denn für andere – so haben sie gelernt – waren sie ja eh nie gut genug…

Ich habe daraus gelernt wie zerstörerisch unerfüllte Liebe sein kann, und wie stark Menschen einander lieben können! Nur gut, dass wir an der Tür unseres geliebten Menschen klingeln dürfen, und das hoffentlich nicht erst am Ende unserer Zeit.

Eure Lina

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