Die Kinderfrage (2)

Eigentlich ist es keine Frage ob man Kinder möchte oder nicht, das ist der Lauf des Lebens! Das war mein Gedanke, der irgendwann im Sommer wieder in meinem Kopf aufgetaucht war. Also, warum darüber nachdenken?

Lass es uns wieder versuchen!

Mein Mann hatte es schön zusammengefasst, beides hat Vor- und Nachteile. Ob mit Kind oder ohne Kind, auf beiden Wegen verpasst man etwas, auf beiden Wegen zahlt man einen Preis. Wir dachten auf dem Weg ohne Kind zahlt man mehr und es entgeht einem zu viel. Also hatten wir entschieden, wir versuchen es wieder, nach der ersten erfolglosen Runde die wir langsam verdaut hatten.

Im Lauf des Jahres hatten meine Kolleginnen und eine enge Freundin ihr Kind bekommen. Ich habe von allen Details der Geburt erfahren, wie auch von den Ängsten und Sorgen in den Wochen danach. Das sollte man vielleicht nie so genau erfahren, wenn man selbst ein Kind bekommen möchte. Die große Sorge um das eigene Kind ist wohl immer Thema. Eine Freundin hat mir gesagt „Immer diese Angst um das Baby!“ Dabei diese berühmte Müdigkeit. Ich höre von Horror-Geschichten, in denen Mütter auf ihren Babies eingeschlafen sind, weil sich der Körper irgendwann den Schlaf einfach nimmt, und sehe Freundinnen waschen, einkaufen, und darüber nachdenken wieweit man einen berufstätigen Mann einspannen darf. Ich sehe Babies, die stundenlang schreien, und Mütter, die mir sagen, dass es nicht der „magische Moment“ ist, nicht die romantische Erfüllung und Wahrheit des Lebens. Sondern einfach ein kleiner Mensch, den man wahnsinnig liebt und dessen Leben zunächst voll und ganz in den eigenen Händen liegt. DAS nenne ich mal Verantwortung!

Ich begann die Aufgabe ein Kind groß zu ziehen vor allem als eine besondere Lebensaufgabe zu sehen. Eine der großen Dinge, die man zu meistern hat und nicht wieder abgeben kann, und die einen ganz besonders fordert: In den eigenen Kräften, dem Organisationstalent, der Frustrations-Toleranz und ganz besonders emotional!

Ich kann mir kaum vorstellen wie es ist so ein kleines Wesen zu Hause zu haben und komplett die Verantwortung zu haben. Was ist richtig, was ist falsch, und warum schreit das Baby nur? Und wenn sie größer sind, verstehen wir manchmal das Liebste auf der Welt nicht, denn die Kinder sind anders als wir und manchmal als wir jemals waren. Das zeigen mir die Mütter mit Teenagern zu Hause, die völlig sauer sind, weil sie ihr eigenes Kind einfach nicht mehr verstehen. Die Kinder andererseits geben ihren Müttern keine Chance irgendwas richtig zu machen. Da hilft es auch nicht wenn man tröstend sagt, dass die Mutter immer der allerwichtigste Mensch im Leben bleibt. Der Teenie hat das gerade völlig verdrängt.

Ich begann darüber nachzudenken, warum ich diese Lebensaufgabe wirklich möchte – neben dem Grund „das macht man nunmal so“ – und fand einige überraschende Erklärungen.

Warum eigentlich? – Die falschen Gründe

Ich ertappe mich dabei, dass es manchmal eine schöne Aussicht wäre, sich dem Job zu entziehen. Es wäre eine Aufgabe, die zunächst einmal ganz klar wichtiger wäre als mein Job und mich „raus holt“… all die kleinen und großen Baustellen, die Verantwortung, und manchmal der Frust, das könnte ich – zumindest eine Weile – hinter mir lassen. Ich hätte etwas wohinter ich mich „verstecken“ könnte… ich glaube manchmal wäre das eine verlockende Ausrede um sich der ein oder anderen Herausforderung nicht zu stellen. Ich fände es auch spannend die nächsten Jahre etwas völlig anderes in meinem Leben zu tun. Ganz andere Aufgaben zu haben in dem es um ein Kind geht, nicht um mich. Eben einen völlig neuen und wichtigen Aspekt des Lebens zu erfahren.

Und dann gibt es noch einen anderen, ehrlichen und ebenso doofen Grund: Die Anerkennung. Ich sehe schon so viele Jahre wie viel Aufsehen jede Schwangerschaft und Geburt erregt. Bis in weit entfernten Ecken verbreitet sich so eine Nachricht und lockt Euphorie hervor. Wie oft habe ich meine Mutter mit leuchtenden Augen von Schwangerschaften und Babies erzählen hören. Um Kinder wird ein riesen Wirbel gemacht. Und: Mit dem Eltern sein steigt man in die Liga der Erwachsenen auf. Sogar für die eigenen Eltern!

Und im Job hört man, dass Familie und Kinder einfach das wichtigste sind. Sie verabschieden sich, um Kinder zu bekommen oder Kinder abzuholen, während ich mit dem anderen, unwichtigen und offensichtlich deutlich sinnloseren Kram weiter mache.

Nach so vielen Jahren zugucken habe ich festgestellt: Manchmal frage ich mich ob ich das wichtigste verpasse, und ja, manchmal möchte ich auch mal diesen Wirbel um mich! 

Und hier die schönen Bilder…

Ich sehe meine eigenen Kinder mit den Kindern meiner Freunde aufwachsen. Es gibt so viele Kinder um uns herum und das wäre wirklich toll. Gemeinsame Tage und Abende an denen unsere Kinder gemeinsam im Garten oder in unserer Wohnung herum springen… Ich sehe mich das Kinderzimmer einrichten, draußen auf der Decke mit dem Baby, mich vorlesen, oder uns alle am Esszimmertisch sitzen. Ich höre Geschichten aus der Schule zu, wir haben Streit ums anziehen. Ich erlebe wie mein Kind Freunde findet, sich streitet, Lehrer ungerecht findet, und mit zu Oma fährt.

Ich sehe anstrengende Jahre, aber eben auch Jahre voller Leben!

Kinderwunsch

Wir haben die Verhütung weg gelassen und ich dachte: Ich war schonmal schwanger, also werde ich es wieder, und das ganz schnell! Keine Ahnung warum ich das dachte, ich erwartete jedenfalls in wenigen Wochen einen positiven Test. Der natürlich nicht kam.

Mit den Monaten des Wartens kamen die Zweifel. Ich bin über die Zeit nicht jünger geworden. Begonnen hat das Babythema mit 38, nun bin ich auf jeden Fall 40 wenn ich ein Baby bekomme. Das macht die Sorge um das Baby und mich größer. Ist das Verantwortungsvoll was ich tue? Was würde ich wirklich tun wenn das ungeborene Kind wahrscheinlich behindert ist? Hätte ich nicht selbst eine Verantwortung wenn das Baby krank sein wird, alleine schon wegen meinem Alter?

Ich hätte gerne meinen Kopf und mein Herz frei davon, bevor es mich blockiert.

Gestern vor einer Woche…

Neben mir lag ein Schwangerschaftstest, der erste, gekaufte seit dem reaktivierten Kinderwunsch. Der letzte Test den ich gemacht hatte – vor ewigen Zeiten – war positiv, damals hatte ich fast gar nicht damit gerechnet… und an diesem Tag war ich so sicher. Der Test war für mich nur noch Formsache. Ich erkannte die Symptome wieder und hatte sogar noch einige Tage gewartet. Ich wollte den Test dann ganz entspannt am Sonntagmorgen machen, doch ich kam nicht dazu – ich hatte meine Tage bekommen. Der Test blieb ungenutzt. Das Bild „wir erzählen es Weihnachten“ war damit hinfällig.

So emotional wie an dem Tag war ich noch nie weil ich nicht schwanger war. Vorher dachte ich immer, dann eben das nächste Mal. Aber dieses Mal dachte ich, jetzt – oder eben nie. Ich fände es gut wenn ich mich von diesem Thema befreien könnte. Ich möchte mich erst gar nicht so sehr davon fangen lassen, dass ich heulend aufstehen muss, weil ich nicht schwanger bin. Ich möchte einfach leben!

Aber es ist so hart das Thema wirklich bei Seite zu legen. Es ist so eine riesengroße Entscheidung, ob man versucht ein Kind in die Welt zu setzen oder nicht. Wenn wir jetzt aufhören, dann kommt ein Mensch nicht zur Welt. Wenn wir nur ein Monat weiter probieren, kann ein ganzes, großartiges Leben in die Welt gesetzt werden, das auch noch unser geliebtes Kind wäre! Wer soll darüber entscheiden? Manchmal bin ich in dieser Welt überfordert.

Heute sieht es so aus, als ob wir einfach weiter machen. Es ist offensichtlich so normal für uns geworden, dass wir nicht verhüten, dass ich erst heute wieder bewusst darüber nachdenke. Mannoman, irgendwie ist es mit 40 schwanger zu werden wie mit 16. Man ist total unvernünftig und trotzdem tut man es, weil man sich heimlich wünscht endlich erwachsen zu werden.

Eure Lina

10 Gedanken zu “Die Kinderfrage (2)

  1. Liebe Lina, dein Beitrag hat mich sehr berührt. Da sitze ich und schimpfe über meine Kinder und auf der anderen Seite gibt es Frauen wie dich, die sich ein Kind wünschen und warten müssen.
    Und es erinnert mich an die Zeit, als wir sehnlichst das zweite Kind wünschten und es einfach nicht klappen wollte. Das schlimmste war für mich damals die Ungeduld und das Warten. Erst Warten auf den Eisprung, dann Warten auf die Tage. Eine fürchterliche Zeit. Ich weiß also ganz genau wie du dich fühlst.
    Doch egal wie alt wir sind, wenn das Kind zu uns kommen will, dann kommt es. Mach dich bitte nicht verrückt und setz dich nicht zu sehr unter Druck, denn Stress kann auch den ganzen Hormonspiegel durcheinander bringen. Ja ich weiß, das ist leichter gesagt als getan, aber es stimmt. Sobald du auch andere Gedanken zulassen kannst und dich entspannst, wird es einfacher.
    Ich drücke dich aus der Ferne. LG, Julia

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  2. Wieder ein sehr tiefgründiger Text von Dir, der so viele wichtige Fragen enthält. Zu dem Gedanken, ob es mal ganz gut wäre, ein Kind zu bekommen, weil man dann aus der Arbeitswelt herauskommt, kann ich nur sagen: Es ist total ehrlich, so einen Gedanken hier einmal zu benennen. Den kennen viele Frauen. Er sollte niemals der Grund sein, denn der Stress aus der Arbeitswelt wird durch anderen massiven Stress ersetzt, wenn man als Mutter mal ehrlich ist. Man stellt sich die Elternzeit vorher ganz anders vor als sie dann in der Realität ist. Aber natürlich gibt es auch die Liebe, die neuen Erfahrungen, eine große Erweiterung des eigenen Horizonts, die mit dem kleinen Wesen dazukommen. Dass Du eine einfühlsame Mutter wärest, steht außer Frage. Also wünsche ich Euch, dass es genauso kommt, wie es gut für Euch ist.

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    • Danke, liebe maramerin für deinen Kommentar. Ich finde es wichtig, dass man die Aufgabe die da auf einen zukommt zumindest in Ansätzen mal klar betrachtet und eben auch die versteckten Motive rausholt, die zu einem Kinderwunsch führen. Genau deswegen schreibe ich auch von diesen Gedanken. Danke dir fürs verstehen und die guten Wünsche!

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  3. Achja… dein Text bringt mich auch wieder zu den Abgründen des Zweifelns… Aber: Zum Thema „Kind gesund oder nicht“ wegen des eigenen Alters… Eine gute Freundin von mir bekam ihr erstes mit 37 und das 2. kommt mit 39. Wer sagt, dass 40 eine definierte Grenze ist? Hängt ja auch total vom eigenen Zustand ab. Natürlich degenerieren die Eierstöcke langsam und die Chancen werden schlechter. Ich glaube, meine erste Aktion nach „Feststellen des Kinderwollens“ war, die Statistiken zu lesen… aber einen „guten Grund“ finde ich das auch nicht. Deshalb Anekdote 2: Eine Familienfreundin im Alter meiner Eltern. 3 Kinder, eins mit Anfang 30, eins mit 35 und eins mit 42. Nr. 1&2 sind „ganz normal“, das Mittlere hat Trisomie 21. Nicht das letzte 😉 Statistik… Es ist immer Zufall, auch wenn’s vielleicht mit zunehmendem Alter etwas weniger Zufall ist, was passiert. Anita. Sie ist heute so alt wie ich, spricht nicht und baut Holzhäuser im betreuten Wohnen. Ich bewundere das alles sehr, aber es wäre mein persönlicher Albtraum (Karoussel: Arbeiten geht nicht mehr, Kind spricht nicht, radikale Akzeptanz, Ernüchterung, Leben vorbei, neues Leben, wenn Kind ausgezogen, dann aber alt und müde…). Die Gedanken um diese Art von Verantwortung kommen mir deshalb einigermaßen bekannt vor… auch weil ich mich frage, wie lange es sich wohl hinzieht, bis man es geschafft hat und wie alt man dann ist (zu alt?! -.-). Aber ich finde sie destruktiv. Entweder du willst es, weil es in deinem Leben sonst fehlt, oder du hast Angst. Ich will meine Ängste nicht entscheiden lassen. Ich kann nur sagen, dass es (aus meiner Perspektive..äm, klar…) das bessere Gefühl ist, selbst was zu machen, sich helfen/informieren zu lassen und ein bisschen gegen die Zeit zu kämpfen… Aber egal, was du machst, entscheide nicht nur mit dem Hirn 😀 Und mach dich nicht fertig wegen einer willkürlichen Zahl.

    http://theoatmeal.com/blog/pros_cons_list

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    • Danke dir für den tollen Kommentar, Pari. Ja, ich sags ja immer, „statistics is a bitch“ – am Ende hängst du doch in einem dieser Ausreißer, und da bringt dir die ganze, errechnete Wahrscheinlichkeit nix. Aber hier mal das Hirn und die Ängste auszuknipsen und einfach positiv dran zu gehen fällt mir schwer, bei so einer großen Entscheidung. Ich danke dir fürs Mut machen und die wichtige Erinnerung daran nicht die Ängste Entscheidungen fällen zu lassen – und so eine doofe Zahl schon gar nicht!
      Ich denke ich schreibe diese Zeilen auch, um zu beschreiben wie ich die anderen Seite des Kinderwunsches sehe. Dass es eben nicht nur dieses eine, perfekte Ziel gibt das nicht hinterfragt wird, sondern auch noch viele andere Dinge eine Rolle spielen; bei dem Kinderwunsch selbst, dem Kinder haben, und drumherum… ach, wie auch immer. Vielleicht werde ich da noch klarer.
      Puh, und da nimmst du mir noch meine Pro und Contra Liste! ; ) Alles Liebe!

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      • Wenn du es noch mal wagst, dann werden diese Ängste dich begleiten. Sie kommen früh genug und bleiben die ganze Schwangerschaft lang. Für Unbeschwertheit war deine erste Geschichte einfach zu schlimm. Ich verdränge solche Möglichkeiten gerade einfach. Ich kenne sie ja auch, die Reallife-Horrorstories. Aber ich bin einer diese Leute, die bis zum Schluss in der Blase bleiben und dann 1 Tag vorher in Panik ausbrechen… Oder die Vorstellung vom „Worst case“… schön ausmalen, wie man überleben würde, alle, auch die krassen Grenzen heimlich abtasten… ach ja. Und die Möglichkeit, dass es gar nichts mehr wird. Ich denke, ich kann auch ohne Kinder ein gutes Leben haben, und irgendwann fehlt auch nichts mehr. Diese Gewissheit macht einen frei. Ich glaube, du bist davon auch gar nicht so weit weg. Vielleicht die beste Position für die Entscheidung über den Kinderwunsch. Besser als du vielleicht denkst…

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  4. Es liest sich so heraus, dass du dir diese ganzen Gedanken einfach wegwünschen würdest, und es wäre doch irgendwie das Schönste, wenn ganz unbewusst von einem auf den anderen Tag die Nachricht kommt, dass du tatsächlich schwanger bist (dann kannst du eh nichts mehr dran ändern, was positiv gemeint ist). Meiner Schwester ist es rein zufällig passiert und obwohl sie es nicht wusste und bei weitem noch keinen Kinderwunsch hatte, sie ist die geborene Mama 🙂

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    • Oh ja, lieber Jim, es wäre definitiv einfacher wenn ich einfach schwanger werden würde und damit alle Gedanken hinfällig wären. Wenn es doch einfach in der ersten Runde geklappt hätte, müsste ich jetzt nicht wieder darüber nachdenken. Manchmal wünsche ich mir einfach weniger nachzudenken zu müssen. Aber diese Zeilen sind auch ein Versuch klarer zu sehen. Vielleicht versuche ich da in meinen wirren Gedanken etwas auf den Grund zu gehen, was man nur dann verstehen kann wenn man es selbst erlebt hat! Ich versuche es trotzdem vorher und stelle auch die Fragen – Warum? und – Darf ich auch (noch)? – Mal sehen ob es zu was führt. Liebe Grüße!

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