Unterschiede

„Wir passen überhaupt nicht zusammen!“ – Das war meine Standardaussage als mein Mann und ich uns kennengelernt haben. Es begann als Affaire, zumindest hatten wir dieses Label benutzt. Wir waren beide Single, aber zu feige um es „offiziell“ zu machen. Wir wollten unbedingt das Geheimnis waren, dass wir zusammen sind. Warum? Ich hatte vor allem einen Grund: Er wäre ohnehin nicht der Mann mit dem ich langfristig zusammen bleiben würde, und ich wollte nicht, dass mein Umfeld inkl. Freunde und Familie von diesem Übergangsmann erfahren.

Wir hatten unsere Samstagabende zusammen. Er kam jede Woche um 18 Uhr zu mir und blieb meist bis Sonntag. Wenn sich Anna mit mir verabreden wollte, hatte ich eben was mit Nadine vor, wenn Nadine mich sehen wollte, hatte ich eine Verabredung mit Matthias und seinen Freunden, und so weiter und so weiter. Dieses Ritual hatten wir über Monate durchgezogen und meine Freunde sahen mich fast nur noch Montag bis Freitag. Manchmal musste ich allerdings kurz überlegen, was ich denn von dem Wochenende erzählen muss (wen hatte ich noch mal gesagt, den ich am Wochenende treffe?)

Da ich ihn nie als Langzeitkandidaten in Erwägung gezogen habe, hatte ich aus meiner Sicht damals nichts zu verlieren. Und das hatte einen tollen Effekt: Ich war wahnsinnig authentisch. Ich musste mich nicht angestrengt von meiner besten Seite zeigen, oder mir Gedanken machen was ich tun kann, damit er nicht verloren geht. Genauso authentisch war ich in meinen offenen Worten an ihn. Statt blind vor Liebe habe ich gesehen wenn mir etwas nicht gefällt, wann ich unzufrieden war, und konnte es gleich aussprechen, ohne irgendeine Hürde überwinden zu müssen. Ich war völlig unbefangen und entspannt.

Und so war der Umgang mit unseren Unterschieden ein Schlagabtausch. Dabei waren wir stets respektvoll und konnten die andere Sicht des anderen vor allem mit Humor nehmen. Diese Unterschiede, die für mich zu Beginn wie ein großer Graben wirkten, waren  irgendwann spannend und diese Spannung hat ihn auch interessant gemacht.

Irgendwann, ich denke es war schon ein halbes Jahr vergangen, hatte ich wohl zum 1325. Mal gesagt, dass wir überhaupt nicht zusammen passen. Er hat er nur mit einem Lächeln reagiert, mich an sich gezogen und mit strahlenden Augen gesagt: „Ich bin wahnsinnig glücklich, du bist wahnsinnig glücklich, wir haben die beste Zeit zusammen. So schade, dass wir nicht zusammen passen. Es wäre die perfekte Beziehung.“ Und ich war sooo verliebt!

Dieses Spiel ging trotzdem noch eine Weile so, und auch noch weiter nachdem unsere Beziehung kein Geheimnis mehr war. Es war ganz lange unser Running-Gag. Mit jedem Monat und sogar jedem Jahr habe ich tatsächlich immer wieder für mich überrascht festgestellt, dass wir ja noch immer so glücklich waren, obwohl wir doch gar nicht zusammen passen! Verrückt. Ich konnte es nicht fassen.

Irgendwann hatte ich mich auch darin verrannt, dass er einfach perfekt zu einer gemeinsamen Bekannten von uns passen würde. Als mir sogar andere Bekannte genau das bestätigt haben, war es zuviel für ihn. Er war genervt und hat ein für allemal klar gestellt: „Ja, sie ist in vielen Dingen genau wie ich. Vielleicht ist sie auch wie meine Ex-Freundin war. Aber, aus genau diesen Gründen ist sie auch meine Ex-Freundin, denn das geht schief. Ich brauche niemanden der so ist wie ich. Ich brauche jemanden der so ist wie du, denn das tut mir gut.

Genauso ist es. Wir tun einander gut. Gemeinsam funktionieren wir viel besser als alleine.

Wir können mit unseren Unterschieden gut umgehen. Denn dieser Start unter dem Label Affaire hat eine offene Kommunikation zwischen uns entwickelt, die wir bis heute erhalten haben. Wir sagen einander was wir doof finden oder erzählen uns von unseren komischen, manchmal unangenehmen Gedanken. Wir nehmen sie an ohne es gleich als vernichtend oder unerträglich wahrzunehmen. Manchmal nerven auch die Unterschiede. Wir ärgern uns übereinander, motzen uns an, erklären einander sehr bestimmt, dass es sich nunmal nicht ändern lässt. Denn manchmal erwarten wir dann doch voneinander etwas weniger so zu sein wie man selbst gar nicht ist! Doch irgendwann knicken wir ein, nehmen uns wieder an wie wir sind („… und du glaubst das kann mit der Zeit ganz bestimmt nicht besser/weniger/mehr werden?“ – „Nein.“ – „Sicher?“ – „Ja.“ – „Na gut…“), und 5 Minuten später ist es vergessen. Bisher ist es nur einmal passiert, dass ich mit meiner Offenheit zu weit gegangen bin und ihn verletzt habe. Aber ich finde, das ist doch ein guter Schnitt nach so vielen Jahren.

Und diese Spannung hat einen weiteren sehr angenehmen Effekt. Ich war in Beziehungen die rasch in Freundschaft umgeschlagen sind. Ich hatte einen Ex-Freund, der in so vielen Dingen genau so war wie ich. Doch irgendwann war die Luft raus und wir haben nebeneinander gelebt, mit einer Umarmung und einem Kuss auf den Mund. Mit meinem Mann merke ich wie diese Spannung zwischen uns auch die Leidenschaft am Leben hält. Dafür brauchen wir zum Glück kein großes Drama oder effektvoll zerbrochene Teller. Es ist auch eine Geborgenheit und ein Wohlfühlen zwischen uns, aber wir haben auch noch die leidenschaftlichen Gefühle. Ich hätte nie gedacht, dass das nach einigen Jahren noch so möglich ist. Darüber bin ich sehr glücklich.

Und jetzt habe ich ein bisschen Angst davor, dass wir uns verlieren könnten. Alles was ich wahrnehme ist, dass wir beide gerade eine Veränderung durchmachen. Mein Mann hat seit anderthalb Jahren seinen Traumjob. Zunächst lief alles normal weiter, mit nicht allzu langen Tagen, doch in den letzten Wochen beginnt er voll durchzustarten. Er wird befördert, bekommt spannende Projekte, und geht völlig in seinem Job auf. Er arbeitet oft 12 Stunden und ist völlig begeistert davon was gerade alles passiert und noch passieren wird. Ich verstehe das und freu mich auch für ihn. Doch es ist gerade auch wie eine andere Welt für mich. Während er sich gerade beruflich austobt, merke ich, dass sich meine Prioritäten verschieben. Ich hab mich beruflich schon ausgetobt, bin im Job angekommen den ich wollte, und nun werde ich „müde“. Der Job ist einfach nicht mehr so wichtig. Mein Fokus liegt auf anderen Dingen. Ich besinne mich auf meine Familie, mein Privatleben, denke viel über andere Werte im Leben nach. Ich denke manchmal, es ist als ob wir in verschiedenen Lebensphasen angekommen sind, und ich habe gerade Angst ob sich das verträgt.

Sein Ego wird gerade so geboostet im Job, dass ich es manchmal nicht ertrage wenn er abends auf seinem Höhenflug am Esstisch landet. Er ist so stolz und aufgeregt über alles was gerade passiert. Im Gespräch hält er oft nur Monologe und reagiert kaum auf meine Kommentare dazu. Ich bekomme ihn kaum runter, am Ende des Wochenendes und mit vielen Unternehmungen geht es wieder. Ich freu mich für ihn, aber ich habe auch Angst. Er sagt, dass es jetzt drunter und drüber geht und sich das alles noch beruhigen wird. Was wenn nicht?

Er war nie ein Womanizer, hat nicht immer die Frau bekommen die er wollte, doch in den letzten Jahren hat er sich verdammt gemacht. Das fällt ihm auch auf, bekam das sogar von einer der Frauen die er nie bekam kürzlich bestätigt, und findet das natürlich toll. Ich hatte ihm im Sommer ein Abendessen mit ihr gegönnt – sie war beruflich in der Stadt – und er kam nur mit breiter Brust und einem Strahlen aus diesem Treffen wieder. Ich hatte mich auch für ihn gefreut! Manchmal habe ich nur Angst, weil ich mich im Moment so müde und gar nicht auf einem Höhenflug fühle. 

Ich habe einfach Angst davor was kommt. Er kommt jetzt in die Jahre wo Männer (und Frauen) gerne durchdrehen! Auch wenn ich nicht das Gefühl habe, dass er sich emotional entfernt, sehe ich am Horizont eine Gefahr.

Ja, wir sprechen immer über alles. Ich fürchte nur, das ist etwas was man nicht so leicht besprechen kann. Denn das ist vor allem auch mein Ding. Mein Selbstbewusstsein ist gerade häufig im Keller. Ich trauere um die Babies die nicht gekommen sind, bin gerade häufig krank, und suche Orientierung im Leben. Ich möchte ihn nicht „klein halten“, damit sein Selbstbewusstsein zu meinem passt. Ich muss mein Ego wiederfinden! Ich hoffe, dass wir uns dabei nicht entfernen und weiter so eng bleiben wie wir sind, mit den gleichen Prioritäten im Leben. In dieser wunderbaren Geschichte, der besten Beziehung die ich je hatte, die bitte nicht irgendwann darin endet dass wir uns trennen, weil wir nicht zusammen passen.

Eure Lina

5 Gedanken zu “Unterschiede

  1. Einen Satz von Dir finde ich besonders klug: „Ich möchte ihn nicht “klein halten”, damit sein Selbstbewusstsein zu meinem passt.“ Mit dieser Einstellung, glaube ich, könnt Ihr diese Phase gut meistern. Er wünscht sich sicher, dass gerade Du als seine Frau ihm Anerkennung geben kannst. Meine Erfahrung ist, dass Beziehungen ganz oft daran scheitern, dass einer nach Anerkennung sucht und sie vom Partner nicht bekommt. Natürlich soll man sich selbst auch nicht verbiegen. Und wichtig ist natürlich auch, dass derjenige mit „Höhenflug“ sich seinem Partner gegenüber ebenfalls korrekt verhält. Aber das scheint bei Euch ja kein Problem zu sein.

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    • Oh ja, was für ein wichtiger Gedanke. Du hast Recht, Anerkennung ist ein kritischer Punkt und möchte man vor allem vom Partner. Wie schön, dass du mir das schreibst und mich daran erinnerst! Ich glaube das schwierige ist einerseits anzuerkennen was er tut, aber andererseits ihn auch zu erden und etwas vom Boden zu winken, damit er ihn nicht vergisst. Vielleicht habe ich es mit dem vom Boden winken etwas übertrieben. ; )

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  2. aufgehts schreibt:

    Die Story klingt wie meine vorherige Beziehung – 15 Jahre… Und meine Freundin hat manchmal ähnliches angedeutet und dann … Dann war sie weg.. Weil aus versehen schwanger von nem anderen.. Da lag nur Zettel und die Wohnung war leer. Und dann versucht ma ja erst mal irgendwie in Kontakt zu kommen und dann liest man SMS von ihr „ja wie.. Hä…
    Ich dachte du liebst mich eh nicht mehr..“ – kurz: vor lauter Sorgen um mich war sie irgendwann so weit weg dass es egal war und da war ein Kollege der nur darauf gelauert hat und nun.. Naja – also pass auf dass du dich nicht selbst ins Aus denkst – bei mir ist das nun 4 Jahre her. Ich vermisse sie jeden Tag

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